Hamburger Abendblatt
6. August 2002
Volksfeststimmung an der Strecke
Helm auf: Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig - Foto: dpa
Neuer Teilnehmerrekord bei den HEW-Cyclassics
13.500 Hobbyradler beim Jedermann-Rennen
Nach einer Stunde und 55 Minuten war das gelbe Trikot von Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig von Schweiß und Regen durchnässt. „Ich hab es geschafft und einen Unfall hatte ich glücklicherweise auch nicht.“ Zusammen mit insgesamt 13.500 Radbegeisterten hatte sich Bodewig bei den HEW-Cyclassics an den Start des Jedermann-Rennens getraut. Die Amateur- und Hobbyradler traten, obwohl es unterwegs heftig zu regnen anfing, je nach Können 55, 115 oder 170 Kilometer lang in die Pedale. Sie stimmten die mehreren hunderttausend Zuschauer am Straßenrand auf das sechste Weltcup-Rennen ein, bei dem im Anschluss daran 178 Radsportstars um den Vorjahressieger Erik Zabel antraten.
„Genau vor mir gab es einen Unfall im Hauptfeld“, sagte Daviscup-Teamchef Michael Stich nach dem Rennen mit vor Anstrengung zitternden Knien, „ich konnte mich gerade noch hindurch schlängeln“. An verschiedenen Stellen auf der vom Regen glatten Fahrbahn kam es zu Unfällen. Mal mit drei Fahrern, mal seien aber auch bis zu 20 Radler aufeinander gefahren, berichteten später die heil Zurückgekehrten. „Kurz vor Wedel (Kreis Pinneberg) kümmerte sich ein Notarzt um einen gestürzten Radfahrer, mindestens ein halber Liter Blut war ihm schon aus dem Kopf getropft“, berichtete ein Augenzeuge von der Strecke. Etwa 30 Jedermann-Radler mussten mit Kopf- und Schulterverletzungen sowie Schürfwunden ins Krankenhaus, sagte Jürgen Mittas vom Deutschen Roten Kreuz. Nach dem Anblick einiger blutiger Stürze fuhren viele vorsichtiger: „ Ich hatte eine wahnsinnige Angst vor den Kurven“, erzählte die als „Blümchen“ bekannt Hamburger Sängerin Jasmin Wagner, die in diesem Jahr zum ersten Mal beim Jedermann-Rennen mitgefahren war.
In der Hamburger Innenstadt erwarteten die Zuschauer an den Seitenabsperrungen trotz des Regens mit Rasseln und Luftballons die Einfahrt der Amateure und Hobbyfahrer. Die begehrten Plätze auf den Tribünen blieben jedoch weitgehend leer. Nach 78 Minuten und 39 Sekunden fuhr der Hamburger Timo Behnke als erster „Jedermann“ ins Ziel auf der Mönckebergstraße in der Hamburger Innenstadt. Die erste Frau in dieser Kategorie, Astrid Schartmüller aus Hamburg, erreichte die Ziellinie keine zwei Minuten später, nach 80 Minuten und 27 Sekunden.
Viele Zuschauer säumten in und um Hamburg die Strecke. Vor einem Altenwohnstift am Rande der Rennstrecke hatten es sich etwa 20 ältere Damen mit ihren nebeneinander aufgestellten Lehnstühlen gemütlich gemacht: Mit Decken und Schirmen gegen den Regen geschützt winkten sie den vorbeifahrenden Radlern mit übergroßen Plastikhänden zu. In Hamburg-Holm vertrieben sich die Zuschauer die Wartezeit auf die
Radfahrer mit Würstchen und frisch gezapftem Bier. „Toi, toi, toi, Du schaffst es“ stand mit Kreide auf dem Asphalt. In Volksfeststimmung mit Ständen auf dem Marktplatz warteten die Zuschauer in Wedel (Kreis Pinneberg) auf die „Jedermänner“. Die meiste Aufmunterung gab es auf den Bergstücken zwischen Wedel und Hamburg-Blankenese: „Hopp, hopp, nur noch 100 Meter“, tönte es vom Straßenrand, „Willy ist ein Sieger“ stand auf einem der Transparente.
