Hamburger Morgenpost
5. August 2002
Hamburg feiert seine Helden
Pünktlich um neun Uhr fiel der Startschuss an der Mönckebergstraße: Das Rekordteilnehmer-Feld von 13.500 Fahrrad-Freaks machte sich im „Jedermann“-Rennen der HEW-Cyclassics auf den Weg. Ihre Mission: Hamburg im Sattel erobern. Wahlweise über 55, 119 oder 171 Kilometer. Angefeuert von rund 700.000 Hamburgern, die auf den Straßen rund um die Strecke eine riesige und laute „Bike-Party“ veranstalteten. Dabei stieg das „Rad-Fieber“ in ungeahnte Höhen, das „Schietwetter“ konnte die Feierwütigen nicht stören.
Probleme mit dem Regen hatten nur die Fahrer: Mehr als 30 Pedaleure mussten nach Angaben des Roten Kreuzes mit Kopf- und Schulterverletzungen sowie Hautabschürfungen im Krankenhaus behandelt werden. Als tückische Unfallfalle erwies sich das Nadelöhr Breite Straße/Pepermölenbek (Altona). Dort fielen zahlreiche „Jedermänner“ der glitschigen Straße zum Opfer. Tapfer hielten die meisten aber bis zum Start- und Zielbereich an der Mönckebergstraße durch.
Mit Tröten, Rasseln und „Winkehänden“ bewaffnet, wurde jeder Biker bei seinem Ritt durch Hamburg von den Zuschauern nach vorne getrieben. Egal ob die Hobby-Rennfahrer mit einem High-Tech-Rad, Tandem oder Trekking-Bike unterwegs waren. Ein gewisser „Bertram“ konnte sich dabei über eine besondere Art der Unterstützung freuen: Sein Name war nach guter alter Tour de France-Tradition auf die Schwarzenbergstraße (Harburg) gepinselt. Anfeuerung, die auch den anderen Fahrern sicherlich geholfen hätte. Denn neben fairen Schulterklopfer für den Konkurrenten, verzogen viele Hobby-Radler im Ziel vor Erschöpfung das Gesicht, fassten sich an die verhärteten Waden. Dennoch stiegen viele Zweirad-Fetischisten erst am Ballindamm vom Gefährt – in der Umkleidezone warteten zahlreiche Massagebänke.
Promis auf dem Rad – so schnitten sie ab
Stich entkam knapp einem Unfall
Spaß am Radeln und ohne Stürze ins Ziel kommen, das war das Motto von Daviscup-Teamchef Michael Stich. Kurz vor dem Ziel wurde es für den Tennis-Star dann aber doch noch einmal brenzlig: „Genau vor mir gab es einen Unfall im Hauptfeld. Ich konnte mich gerade noch hindurch schlängeln“, sagte er mit vor Erschöpfung zitternden Knien nach der Zieleinfahrt.
Ganz wacker strampelte auch Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig über die Cyclassics-Strecke. Der passionierte Radler schwang sich für die Organspendeinitiative „Ich spende Leben“ aufs Rad. „Ich hab es geschafft, und einen Unfall hatte ich glücklicherweise auch nicht“, schnaufte Bodewig erschöpft im Ziel.
Popsternchen Jasmin Wagner wagte sich in diesem Jahr zum ersten Mal auf die „Jedermann-Strecke“. „Ich hatte eine wahnsinnige Angst vor den Kurven“, erzählte sie nach dem Rennen. Dabei machte das Ex-Blümchen seine Sache hervorragend – die Sängerin schaukelte ihr Rennrad ohne Zwischenfälle und Blessuren über die Ziellinie.
Die regennassen Straßen und die teilweise halsbrecherische Fahrweise der Jedermänner machte auch ARD-Moderator Reinhold Beckmann zu schaffen. Als der Talker und Sportnarr nach 55 Kilometern durchs Ziel fuhr, war er erleichtert. Überschwänglich wurde er von den begeisterten Zuschauern empfangen: Balsam für eine erschöpfte Moderatorenseele.
Für die HEW Cyclassics kam auch Ex St.-Pauli-Trainer und Manager Helmut Schulte wieder einmal an die Elbe. Auch er schwang sich für die Ministrecke von 55 Kilometern aufs Rad, denn das sportliche Hamburger Flair und besonders die Begeisterung der Zuschauer, die die Radler zu großen Taten antreibt, sind Grund genug für ihn, noch einmal kräftig in die Pedale zu treten.

