Kettenbrief

Die Tränendrüsen-Mails

So grassiert zum Beispiel ein gefälschter E-Mail-Hilfsaufruf zum Knochenmarkspenden. Die Folge: Hunderte Anrufe pro Tag bei einer ahnungslosen Privatperson. „Soziale Viren“ sind E-Mail-Texte, die ihren Empfängern eine Notsituation vortäuschen und sie zu einem bestimmten, unsinnigen Verhalten veranlassen. „Soziale Viren“ werden rasend schnell über das Internet weitergeleitet. Dies ist offenbar mit einer Mischung aus virtueller Hilfsbereitschaft und humanitärem Hedonismus bei Millionen von Internetnutzern zu erklären. Dabei kann die Wirkung für einzelne Menschen verheerend sein.

Im deutschsprachigen Raum wird seit Monaten wieder verstärkt ein Kettenbrief per E-Mail verbreitet, in dem für eine angeblich an Leukämie erkrankte junge Frau in Bayern ein Knochenmarkspender gesucht wird. Darin wird fälschlicherweise behauptet, Julia S. im Raum München sei leukämiekrank und habe nur noch wenige Wochen zu leben, wenn sich nicht ein passender Spender findet. Personen mit der selben Blutgruppe werden gebeten, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, wozu Anschrift, Telefon- und Fax-Nummern sowie eine E-Mail-Adresse angegeben sind. Außerdem die Aufforderung: „Sendet bitte diesen Brief an alle, die Ihr kennt !!!“ Auf diesen schlechten Scherz sind seit Ende 2000 wohl Hunderttausende Internetnutzer in Deutschland hereingefallen.

Sie haben diese E-Mail mit der Überschrift „Knochenmarkspender Blutgruppe AB Rhfkt. negativ gesucht – bitte wenigstens weiterleiten“ in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis verbreitet. Wie bei einer langsam ins Rutschen geratenen Schneelawine entstand aus wenigen weitergeleiteten E-Mails eine Welle der – lediglich virtuellen – Hilfsbereitschaft. Das massenhafte Weiterleiten der E-Mail machte aus der im Internet erfundenen Patientin in der Wirklichkeit ein Opfer. Julia S. wurde überhäuft mit Telefonanrufen, Faxen, E-Mails und Briefen von wildfremden Menschen, die ihr helfen wollten und fragten, wo man Blut spenden könne. In der Spitze mehrere hundert Anrufe erreichten sie im vergangenen Jahr an ihrem Arbeitsplatz in einer großen Werbeagentur im Raum München. Der Urheber der Ketten E-Mail hatte ihre dienstliche Telefondurchwahl angegeben.

Ähnlich erging es einem Mitarbeiter der Uniklinik Regensburg, dessen dienstliche Adresse und Telefonnummer hinzugefügt waren. Ein gemeiner Kettenbrief, der jede Menge Ärger macht. An Arbeiten war nicht mehr zu denken. Julia S. und die Werbeagentur waren gezwungen, einen Anrufbeantworter zu installieren. „Es handelt sich um einen ganz gemeinen Kettenbrief, mit dem weder ich noch mein Arbeitgeber etwas zu tun haben“ hören dort die auch heute noch zahlreichen täglichen Anrufer. Auch die Telefonzentrale der Werbeagentur blieb nicht verschont, da in der Ketten-E-Mail die zentrale Telefonnummer der Firma erkennbar war. „Dort können wir natürlich keinen Anrufbeantworter schalten“, klagt die Telefonistin. „Unendlich viel Ärger hat uns der Kettenbrief bereitet“, sagt die Pressesprecherin und bittet darum, dass die Firma nicht mehr namentlich mit den E-Mails in Verbindung gebracht wird. Sie hofft, dass die Empfänger von Kettenbriefen viel kritischer werden und diese im Zweifelsfall gleich löschen.

Ein Helfer wird plötzlich selbst zum Opfer

So sieht es auch Heiko Spatz aus Goldbach bei Aschaffenburg, der am eigenen Leib beziehungsweise Handy tagtäglich erfahren muss, dass auch „Möchtegern-Helfer“ zu Opfern werden können. Der Außendienstmitarbeiter eines großen Handelshauses hatte im vergangenen Sommer ebenfalls die Ketten-E-Mail erhalten. Er erweiterte den Text um eine persönliche Bitte zur Teilnahme an dieser „E-Mail-Hilfsaktion“ und leitete den Aufruf an die Adressen in seinem E-Mail-Verteiler weiter. Wie üblich erzeugte das E-Mail-Programm auf seinem Rechner am Anfang des elektronischen Briefes noch eine persönliche Signatur mit der vollständigen Adresse von Spatz samt dienstlicher Nummer seines Mobiltelefons. Ein Empfänger konnte so bei nur oberflächlichem Lesen der E-Mail den Eindruck gewinnen, dass Heiko Spatz der Verfasser sei, der für seine „leukämiekranke Freundin“ um Hilfe bittet. Offenbar wurde sein E-Mail-Text nachträglich noch so verändert, dass in der aktuell zirkulierenden Textversion ausschließlich diese Interpretation möglich ist. „Gut gemeint, aber es nervt unglaublich“. Etwa fünfzig bis sechzig telefonische Hilfsangebote am Tag erhält Spatz seit mehreren Wochen auf seinem Handy. Der Familienvater hat nur wenig Hoffnung, dass die Anrufe, die ihn „zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen“, bald weniger werden.

Denn mit den heute üblichen E-Mail-Programmen ist es möglich, binnen einer Minute an Dutzende von weiteren E-Mail-Adressen einen empfangenen elektronischen Brief zu verteilen. Die Kosten betragen nur wenige Cents. Mit großer Freundlichkeit versichern ihm die fremden Anrufer, dass sie „seinen Appell zur Hilfe“ all ihren Bekannten weitergeleitet hätten. „Darunter sind besonders viele Menschen, die mitteilen, sie seien kirchlich aktiv“, berichtet Spatz. Einige erklärten ihm, sie hätten „seinen Hilfsaufruf“ in den Gemeindeblättern ihrer Kirchengemeinde abgedruckt. Eine Anruferin aus Sachsen erkundigte sich nach weiteren Hilfsmöglichkeiten, nachdem sie den „Hilfsaufruf“ samt Namen und Handynummer von Spatz im „Wochenendkurier Bautzen“ gelesen hätte. Andere lasen von diesem auf Internetseiten oder in Chat-Foren. Manche Anrufer drückten lediglich ihr Bedauern aus, dass sie „die falsche Blutgruppe“ hätten. „Das ist ja alles gut gemeint, aber es nervt unglaublich“, stöhnt Spatz. Aus Kostengründen kann Spatz nicht einfach wie Julia S. eine neue Telefonnummer schalten lassen, da bei den Handelsvertretern des Unternehmens die vier Endziffern der Handynummer den einzelnen Verkäufern zugeordnet sind und für weitere personalisierte Marketingfunktionen eingesetzt werden.

Spatz lässt keine Hilfe unversucht. Einmal notierte er alle Namen von Anrufern sowie die E-Mail-Adressen, von denen sie die Ketten-E-Mail empfangen hatten und an die sie ebenfalls in Kopie geschickt worden war. Allein an einem Tag kam er auf mehr als 400 Personen, die er dann anschrieb mit der Bitte, die E-Mail zu löschen und nicht mehr zu verteilen. Die „Tränendrüsen“-E-Mail ist mittlerweile zu einem „sozialen Virus“ geworden, der epidemieartig besonders hilfsbereite Menschen und sozial engagierte Multiplikatoren befällt. Er verbreitet sich viel schneller als die Nachricht über den Irrtum von Heiko Spatz und anderen. Epidemieartig breitet sich der Virus aus. Warum, darüber kann spekuliert werden. Sicherlich zu einem gewissen Anteil aus dem gut gemeinten, aber letztlich doch naiven Wunsch zu helfen oder zumindest politisch korrekt an einer „guten Sache“ teilzuhaben. Vermutlich meinen viele Menschen, dass sie bislang Leukämiekranken oder anderen Hilfsbedürftigen nicht ausreichend beistehen. Sie fühlen sich von der Aufforderung angesprochen, „wenigstens“ die E-Mail weiterzuleiten. Dankbar erleichtern sie ihre Gewissensnot mit ein paar Klicks.

Dabeisein ist alles. Die Folgen – egal ob gut oder schlecht – sind im Club der Gewissensethiker irrelevant. Der eigentliche Aufruf zur persönlichen Hilfe für Knochenmarkspender verhallt unter den Internetnutzern ungehört. 1,8 Millionen Menschen sind derzeit bei einer der etwa vierzig Stammzellspenderdateien in Deutschland als potenzielle Knochenmarkspender registriert. Dazu haben sie eine kleine Blutprobe abgegeben, mit deren Hilfe ihre Gewebemerkmale typisiert werden. Die Blutgruppe ist – entgegen der Aussage in der Ketten-E-Mail – nicht entscheidend dafür, ob man später einmal Knochenmark spenden kann oder nicht. Es kommt vielmehr darauf an, ob die spezifischen Gewebemerkmale eines potenziellen Spenders zu denen eines Leukämiekranken passen. Die Wahrscheinlichkeit liegt im Bereich von eins zu mehreren Tausend bis eins zu mehreren Millionen. Wo es seriöse Informationen gibt. Jährlich wächst der Bestand im Zentralen Knochenmarkspender-Register Deutschland (ZKRD) mit Sitz in Ulm, wo die anonymisierten Daten aller potenziellen Spender gespeichert werden, um gut 100.000 bis 200.000 Personen. Also wohl nur ein Bruchteil der Anzahl an Internetnutzern, die entsprechende Ketten-E-Mails erhalten haben. Bisher spenden jährlich mehr als 1.000 Personen mit passenden Gewerbemerkmalen Knochenmark aus dem Hüftknochen oder Stammzellen aus dem Blut und geben damit Leukämiekranken eine neue Lebenschance.

Clemens Christmann, Die Tagespost, Würzburg 22. Oktober 2002